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Hier finden Sie Artikel zu Ereignissen und Problemfeldern, die von den Mitarbeitern dieses Institues selbst verfasst worden sind.

 

Die Zulassung zum Medizinstudium

Kurzdossier:

 

Die Zulassung zum Medizinstudium

Warum eine einfache Bedingung zu besseren Studenten führen würde

Von A. Straube und dr. S. Straube

 - Wie das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, muss die Studienplatzvergabe im Fach Humanmedizin neu geregelt werden.

 - Statt ein testbasierten Zulassungsverfahren einzuführen, wäre es sinnvoll das bereits geforderte Pflegepraktikum von 3 auf 12 Monate zu verlängern und an den Beginn des Studiums zu setzen.

 - Bewerber müssten ein Jahr in einer Klinik arbeiten. Dadurch würden sie erfahren, ob sie überhaupt für eine medizinische Tätigkeit geeignet sind. Gleichzeitig würde aber auch der Notstand beim Pflegepersonal gemildert werden.

 
Arbeitsstress und Ärztemangel
Im Dezember 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die bestehende Methode zur Vergabe von Studienplätzen im Fach Humanmedizin überarbeitet werden muss. Das bisherige System mit Numerus Clausus soll durch eine noch nicht näher festgelegte Alternative abgelöst werden. Durch diesen Wechsel bietet sich die Gelegenheit das Auswahlverfahren effizienter und praxisorientierter zu gestalten.

Dabei handelt es sich um ein Thema von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Der Ärztemangel wird immer wieder als Problem benannt und beunruhigt große Teile der Bevölkerung, insbesondere ländliche Gebiete sind hiervon betroffen. Es ist dringend notwendig die Ausbildung auch auf diese Anforderung auszurichten.

Der Öffentlichkeit weniger bekannt ist die große Unzufriedenheit vieler Mediziner mit ihrem Arbeitsplatz. Häufig wird von Studenten unterschätzt wie belastend ihr Arbeitsfeld eigentlich ist. Neben den nötigen Fachwissen wird auch eine große Sozialenkompetenz im Umgang mit Patienten, Angehörigen, Mitarbeitern und Vorgesetzten verlangt. Dazu kommt der körperliche und psychische Stress regelmäßig Entscheidungen über Tod oder Leben treffen zu müssen. Zwar ist die Abbrecherquote während des Studiums gering, weil man zu einem so späten Zeitpunkt die Ausbildung lieber beendet als abbricht. Doch häufen sich die Fälle von Medizinern die nach dem Studium ein anderes Beschäftigungsfeld suchen. Die großen Investitionen, die in ihre Ausbildung fließen, sind damit verschwendet. Daher muss sichergestellt werde, dass die zugelassenen Studenten wissen, welche Arbeit sie erwartet und dafür ausreichend belastbar sind.

Mangelhafte Methoden: Schulnoten und Tests
Die bisherigen Methoden sind nicht geeignet die neuen Forderungen zu erfüllen.

Der Numerus Clausus war schon lange in der Kritik. Zwar war er eine funktionale Beschränkung, allerdings sagen die Abiturnoten nichts über die für einen Mediziner notwendigen Fähigkeiten aus. Selbst sachverwandte Themen wie Biologie oder Chemie sind davon betroffen; die Inhalte des gymnasialen Unterrichts decken sich kaum mit denen des Studiums. 

Ähnlich ist das Problem bei separaten Tests. Zwar kann das Wissen besser kontrolliert werden, die Belastungsfähigkeit und die Sozialkompetenz bleiben aber ungeprüft.

Ein Praktikum als Lösung
Unsere Empfehlung wäre es daher ein 1-jähriges Pflegepraktikum, mit Entlohnung, zur Voraussetzung für ein Medizinstudium zu machen. Auf diese Weise würden die Interessenten bereits vor dem Studium mit der Realität des Arztberufs bekannt gemacht werden. Sie könnten Erfahrungen sammeln und für sich selbst entscheiden, ob sie eine derartige Laufbahn wirklich verfolgen möchten.

Wer sich danach für ein Medizinstudium entscheidet, entspricht dem Anforderungsprofil, oder ist so entschlossen in seiner Entscheidung, dass er oder sie bereit ist auch die Härten dieses Berufes zu ertragen.

Vorteilhaft wäre auch die Praxisnähe der Auswahl. Ein Absolvieren des Praktikums stellt sicher, dass zumindest Grundfähigkeiten bei der Behandlung und den Umgang mit Patienten bestehen. Die Folge wären mehr Kandidaten für die, forschungstechnisch uninteressanten, Stellen als Hausarzt. Der Ärztemangel würde abgeschwächt werden.

Die Implementierung des Praktikums wäre sehr einfach. Man könnte sich auf existierende Strukturen und Leitlinien stützen. Man müsste nur das bestehende 3-monatige Pflegepraktikum auf ein Jahr verlängern und an den Beginn des Studiums setzen.

Sollte allerdings eine weitere Limitierung der Bewerberzahl gewünscht sein, so lässt sich diese Methode auch ohne weiteres mit anderen Beschränkungen kombinieren. Denkbar wäre eine Prüfungen am Ende des Praktikums, oder eine Reihe von begleitenden Kursen über medizinisches Fachwissen. Notwendig dürften derartige Maßnahmen allerdings nicht sein, selbst ein vergütetes 1-jähriges Praktikum stellt selbst bereits eine ausreichend große Hürde dar, um alle Unentschlossenen zum Umdenken zu bewegen.

 

Die Neutralität des Netzes

Die Neutralität des Netzes

Die Sprache der IT-Experte (IT: Informationstechnologie) ist für die meisten Durchschnittsbürger kaum verständlich. Häufig gebrauchen sie Fremdworte deren Bedeutung, auch einem Kenner der Ursprungssprache, verborgen bleibt. Ein sehr bedauerlicher Umstand, denn in unserer durchdigitalisierten Welt sind es gerade IT- Konzepte, die eine enorme Wirkungskraft entfalten. Von der Politik, über das gesellschaftliche Leben, bis in die tiefste Privatsphäre, alles wird heutzutage durch das Internet und seine Möglichkeiten beeinflusst. Doch die Masse der User verbleibt im Unwissen über die Vorgänge und Arbeitsgänge im Hintergrund. Es sollte daher nicht verwundern, dass den meisten Bürgern der Begriff „Net Neutrality“ kaum geläufig ist.

Er bezieht sich auf die äquivalente Priorisierung beim Datentransfer. Eine Erklärung, die selbst erklärt werden muss. Die Kernfunktion des Internets ist die Übertragung von Daten zwischen den einzelnen Beteiligten. Eine Email: Daten kommen vom Absender zum Empfänger. Besuch einer Seite: ein Datentransfer von Server zum User. Der Facebookpost: Daten von Privatpersonen zum Server und von dort weiter zu den kommerziellen Datensammlern. Etc.

Net Neutrality ist der Grundsatz, dass all diese Datenpakete gleich wichtig sind und mit der gleichen Geschwindigkeit versendet werden sollen. Das triviale Katzenphoto wird so schnell übermittelt wie der millionenschwere Geschäftsabschluss und die Website über Verschwörungstheorien der vampirische Echsen-Aliens baut sich so schnell auf, wie die der öffentlich-rechtlichen Medien. Natürlich gibt es trotzdem Unterschiede in der Übertragung, diese werden aber durch die allgemeine technische Qualität des Netzes verursacht. Wer eine alte Verbindung aus den 90ern verwenden muss ist natürlich langsamer als jemand mit Zugang zu einer modernen Glasfaserleitung. Doch diese Einschränkungen gelten für jede Kommunikation, wer einen guten Empfang hat bekommt alle Daten schnell, wer einen schlechten hat langsam.

Momentan ist Netzneutralität noch weitgehend der Standart. In einigen Ländern, wie Chile oder den Niederlanden ist sie sogar gesetzlich vorgeschrieben und auch die EU hat sich für sie ausgesprochen. Allerdings ist sie nicht unumstritten. Es gibt eine wachsende Koalition von Internetprovidern und Anbietern von Streamingdiensten, die eine Änderung des Status Quo durchsetzen möchte. Hauptmotiv ist, wenig verwunderlich, der Profit.

Jede Vergrößerung des Übertragungsvolumens ist eine sehr teure Investition. Gleichzeitig ist eine Steigerung des Verdienstes nur eingeschränkt möglich. Würde die Neutralität fallen, wäre es möglich das Angebot aufzuteilen, in langsame reguläre und schnelle Premium- Anschlüsse. Es würde ein Internet der zwei (bzw. X) Geschwindigkeiten entstehen, ohne das sich die Hardware ändern müsste. Mit dem höheren Gewinnen könnten dann die Unternehmen das Netz weiter modernisieren und mit der Zeit den Preis für den schnellen Anschluss senken während mögliche Fehlentwicklungen durch den freien Markt reguliert würden, soweit die Theorie.

Für Videoportale, wie Netfix, wäre es von Vorteil die eigenen Daten zu Stoßzeiten schneller übertragen zu können. Die Zahlenden könnten dann ihre Filme mit kürzerer Wartezeit und weniger Bildstörungen genießen.

Bei so grandiosen Versprechungen, tut man gut daran skeptisch zu bleiben. Bereits oft wurde eine Preiserhöhung, und das ist ein Premiumangebot, mit besserem Service in der Zukunft begründet. Das Einlösen dieser Versprechen ist eine Seltenheit. Viel wahrscheinlicher ist eine immer schwerer werdende Benachteiligung der ehemals „normalen“ Verbindungen um die restlichen Kunden in die teurere Option zu drängen. Weitere Investitionen ins Netz sind trotzdem zweifelhaft.

Eine weitere Gefahr ist die Diskriminierung von Absendern und Zensur durch die Hintertür. Falls z.B. Netflix bevorzugt übertragen werden soll, müssen andere Angebote benachteiligt werden. Was ist wenn dieser Zustand nicht nur zu Stoßzeiten eintritt, sondern andauert? Wenn die Verbindung zu schlecht wird brechen die meisten Besucher ab und suchen sich andere Angebote. Man könnte ohne offensichtliche Blockade unliebsame Websites „trocken legen“. Ein Ende der Netzneutralität würde eine Gelegenheit zur Zentralisierung und Monopolisierung von Information bieten. Die Vielfalt der Meinungen, die heute im Netz sichtbar ist, würde wieder den kontrollierten Meinung des analogen Zeitalters weichen.

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden ob die möglichen Vorteile eines parteiischen Netzes wirklich die negativen Konsequenzen wert sind. Diskutiert werden muss dieses Thema auf jeden Fall.

Alexander Straube

Venezuela und der Fluch des Öls

Venezuela und der Fluch des Öls

die momentanen Unruhen in Venezuela werden in den meisten Fällen der Inkompetenz des regierenden bolivarischen, sprich sozialistischen, Präsidenten Maduro zugeschrieben. Während von der extrem Linken die Schuld bei den USA gesucht und lautstark verkündet wird.

Um den Ursprung dieser Probleme jedoch genauer erfassen zu können muss man in der Zeit zurückblicken. Man wird die Geschichte eines Landes sehen, das schon seit Jahrzehnten am Ressourcenfluch leidet.

Das Gebiet, das später als Venezuela bekannt werden sollte war lange Zeit eine der weniger entwickelten Gebiete des weiträumigen spanischen Kolonialbesitzes in Amerika. 1821 gelang es Simon Bolivar, der aus Caracas stammte und daher als venezolanischer Nationalheld gilt, die spanische Herrschaft zu beenden. Der von ihm gegründete Staat Großkolumbien zerfiel schon wenige Tage nach seinem Tod. Auf diese Weise wurde Venezuela 1830 ein unabhängiger Staat.

Die politische und vor allem wirtschaftliche Entwicklung im weiteren 19 Jahrhundert hielt sich in Grenzen. Wirklichen Schwung sollte sie erst erhalten, als während dem Ersten Weltkrieg enorme Erdölvorkommen entdeckt wurden. In den folgenden Jahrzehnten focuszierte sich die wirtschaftliche Entwicklung fast ausschließlich auf die Förderung und den Export dieser Ressourcen. Die positive Folge war ein massiver Anstieg des Wohlstandes der sich unter anderem dadurch ausdrückte das Venezuela 1935 das größte Bruttosozialprodukt Südamerikas hatte. Gleichzeitig führte es jedoch auch zu einer immer weiter anwachsenden Korruption und einer Zentralisierung der wirtschaftlichen Macht bei der Regierung. Von dieser wurde erwartet die hohen Einnahmen durch die Ölexport zur Schaffung von Arbeitsplätzen zu verwenden. Es bildete sich somit eine Gesellschaft bei der sich die wirtschaftliche Erwartungshaltung immer stärker auf den Staat und immer weniger auf eigene Unternehmungen stützte.

Eine einheimische Produktion von Lebensmitteln war unnötig, alles was benötigt wurde konnte man sich durch die hohen Gewinne aus dem Ölhandel im Ausland kaufen und in das Land importieren. Ergänzt wurde dies durch eine weitverbreitete Geringschätzung der Landwirtschaft. Die Beschäftigung als Bauer oder Viehzüchter wurde als minderwertig betrachtet.

Diese Entwicklung verhinderte nicht nur das Entstehen einer zur Selbstversorgung ausreichenden Nahrungsmittelproduktion, sondern auch die Existenz von bedeutenden Industriezweigen neben der Erdölindustrie. Das Land, sein Haushalt und die Gesellschaft sind in einem extremen Maße von dieser einen Geldquelle abhängig.

 

Verschärftend kam noch das Verhalten im Zuge der Ölkrise von 1973 hinzu. Durch den plötzlichen Anstieg des Ölpreises und die Verstaatlichung der Ölindustrie im Jahre 1976, sah sich der Staat in der Lage groß angelegte Sozialprogramme zu starten. Allerdings überstiegen diese die Mehreinnahmen und führten zu einer rapide anwachsenden Staatsverschuldung. Nachdem in den achtziger Jahren der Erdölpreis zu sinken begann zeigten sich die Probleme des Verhaltens. Um seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen entwertete die Regierung die Landeswährung, den Bolivar; was wiederum bewirkte, dass der bis dahin recht hohe Lebensstandard massiv einbrach. In Verbindung mit der fast schon institutionalisierten Korruption und der nun steigenden Armut und Kriminalität nahm die politische Stabilität massiv ab.

1989 führte dies zu den sogenannten „Caracazo Unruhen“, in deren Verlauf vermutlich über 3000 Menschen starben. Am 4. Februar 1992 folgte ein Putschversuch des späteren Präsidenten Hugo Chávez, der jedoch nach 12 Stunden zusammenbrach.

Chávez selbst verbrachte daraufhin einige Zeit im Gefängnis wurde aber bereits 1994 begnadigt, was diesem ermöglichte die Präsidentschaftswahlen 1998 zu gewinnen und sein Projekt einer „Bolivianischen Revolution“ in die Wege zu leiten.

Offiziell handelt es sich dabei um eine neuartige Bewegung deren Ziel es ist die Unabhängigkeit und Kooperation Südamerikas zu bewahren, den Bürgern ein Nationalgefühl zu vermitteln und die direkte Demokratie zu fördern.

Wie schon ihre Leitslogans („Mutterland, Sozialismus oder Tod“ und „Sozialistisches Mutterland und Sieg, wir werden  leben, und wir werden siegen.“) verraten handelt es sich um eine weitere Spielart des Sozialismus. Dementsprechend bestand Chávez politisches Programm vor allem aus zwei Komponenten: Erstens einer Wiederaufnahme und Erweiterung diverser Sozialprogramme, die vor allem der städtischen Unterschicht zugute kamen.  Und zweitens der Verstaatlichung möglichst vieler Betriebe.

Auf diese Weise vergrößerte sich die Abhängigkeit der Bevölkerung von der Regierung noch weiter. Die Regierung selbst wurde aber ebenfalls noch abhängiger von der Erdölindustrie und damit vom Ölpreis. Während der Regierungszeit von Hugo Chávez, er starb 2013, war dies noch kein Problem. Bei einem Preis für ein Barrel Rohöl von teilweise über 100 $ wurde genug Geld eingenommen um die Staatsausgaben bestreiten zu können. Kritisch wurde die Lage erst als der Ölpreis deutlich einbrach.

 

Hier soll nicht verschwiegen werden dass die weitverbreitete Korruption, die sozialistische Programmatik und die Inkompetenz von Präsident Nicolás Maduro zu einer Verschärfung der Krise führten. Allerdings wären die Versorgungsengpässe in einem weniger stark spezialisierten Staat, selbst in einem Sozialismus, weniger massiv.

Die momentane Regierung ist mit dem Endergebnis eine Entwicklung konfrontiert deren Ursprünge fast 100 Jahre zurückliegen. Aufgrund des Erdölreichtums wurde es unterlassen Anreize für die Erschaffung einer tragfähigen weiteren Industrie zu bieten. Teilweise wurde dies sogar aktiv verhindert. Stattdessen konzentrierte man sich über Jahrzehnte hinweg darauf sämtliche benötigten Güter aus dem Ausland zu importieren. Daher hat nun Venezuela keine Kapazitäten um die für den täglichen Bedarf notwendigen Produkte zu produzieren. Eine Situation die insbesondere bei der Versorgung mit Lebensmitteln extrem kritisch ist.

Da der einzige Ausweg aus dieser Lage der Staatsbankrott ist, scheint es sehr unwahrscheinlich dass die Krise bald überwunden werden kann.

Was den Vorwurf an die USA angeht sie würden das Land vorsätzlich destabilisieren wollen, so muss dieser energisch zurückgewiesen werden. Nicht nur sind die USA der Hauptabnehmer für venezolanisches Öl, amerikanische Banken sind auch die Hauptgeldgeber für Caracas. Und selbst Hugo Chávez hat zwei Sachen nie getan. Er hat nie die Öllieferungen in die USA gestoppt und er hat nie eine Rate bei der Schuldentilgung ausgelassen. Einen Kurs den auch Nicolás Maduro beibehalten hat.

 

Alexander Straube

Selbstfahrende Autos und ihre Probleme

Selbstfahrende Autos und ihre Probleme

In den letzten Jahren hat das Konzept eines selbstfahrenden Autos neue Beliebtheit gewonnen. Die Idee dazu existierte schon länger, aber erst jetzt konnte sie Aufgrund der technischen Entwicklung in den Bereich des Machbaren gelangen. Forschung wird dabei von mehreren extrem unterschiedlichen Konzernen betrieben. Neben dem Softwaregiganten Google, sind auch Autoproduzenten und sogar der Fahrdienst Uber im Rennen um die Marktreife.

Von der Öffentlichkeit und insbesondere den Medien wurde diese Entwicklung begeistert aufgenommen und gefeiert, andere gingen sogar so weit die Prognose aufzustellen, dass in wenigen Jahren das manuelle Autofahren obsolet sein wird.

Allerdings ignorieren sie eine Reihe von Problemen, die noch geklärt werden müssen bevor selbstfahrende Autos wirklich ein Massenphänomen werden können. Eine Aufgabe die weit schwerer ist als angenommen wird:

 

1. Verantwortung und Haftung

Das erste Problem ist rechtlicher Natur. Bei einem normalen Auto liegt Verantwortung beim Fahrer. Sollte er einen Unfall bauen, ist er für den entstandenen Schaden haftbar. Aber wie ist es beim Auto ohne Fahrer? Wer wäre der Verantwortliche? Der Besitzer des Fahrzeugs? Die Programmierer, die das Fahrprogramm erschaffen haben? Der Konzern, der das Auto produziert hat?

Natürlich handelt es sich hierbei nicht um einen technologischen Streitpunkt sondern um einen rein rechtlichen, der aber dennoch geklärt werden muss. Ohne eine verbindliche Entscheidung wer für entstandene Schäden in Haftung zu nehmen ist, ist es extrem unwahrscheinlich bis unmöglich das selbstfahrende Autos eine Genehmigung erhalten. Wobei es durchaus denkbar ist, dass vom Gesetzgeber verlangt werden wird das ein Fahrzeug zumindest die Möglichkeit zur manuellen Kontrolle erhalten muss. Der Autopilot für den PKW wäre damit keine großen Neuerungen mehr, sondern nur noch ein weiteres Feature.

 

2. IT Sicherheit

Ein Thema das generell in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen wird und in diesem Fall über besondere Bedeutung verfügt, die IT Sicherheit. Bereits moderne Serienwagen verfügen über eine extrem ausgefeilte IT Architektur die zwar für den Fahrer viele Erleichterungen bietet aber gleichzeitig auch eine Schwachstelle gegen mögliche Hackerangriffe von außen ist. Es ist ohne weiteres möglich von außen die Steuerung zu deaktivieren, Gas zu geben, zu bremsen oder die Tür zu verriegeln. Mögliche Spuren lassen sich löschen.

Bei selbstfahrenden Autos, die noch weit stärker auf Informationstechnologie angewiesen sind, wird die Lage nach kritischer. Bereits kleinste Manipulation können zu schwerwiegenden Unfällen führen und auch die weiteren Möglichkeiten für Missbrauch sind enorm.

 

3. IT Infrastruktur

Damit hängen die Anforderungen an die IT Infrastruktur zusammen. Um selbständig fahren zu können ist es zwingend notwendig, dass das Vehikel im permanenten Kontak zu anderen Fahrzeugen und auch der verkehrstechnischen Infrastruktur steht. Es muss ermittelt werden wer wohin möchte, um den optimalen Kurs für alle Beteiligten zu berechnen. Es muss festgestellt werden welche Hindernisse sich auf der Strecke befinden, um diesen auszuweichen. Und es muss analysiert werden welche Verhaltensweisen zu einer Gefährdung führen könnten. All diese Aufgaben setzen eine reibungslos, und vor allem sehr schnell, funktionierende IT-Infrastruktur voraus. Plötzlich unterbrochene Verbindungen sind genauso zu vermieden, wie ein mangelhafter oder zu langsamer Austausch von Informationen.

Die Verantwortung für das Errichten diese Infrastruktur liegt bei den für den Verkehr verantwortlichen Kräften, also in der Regel beim Staat. Die dazu notwendige Modernisierung stellt eine sehr große finanzielle Belastung dar und dürfte in einer Zeit der finanziellen Engpässe auf wenig Sympathie stoßen.

 

4. Kartographie

Dabei gibt es einen fließenden Übergang zu kartographischen Problemen. Die meisten Leute haben bereits Geschichten von unvorsichtigen Autofahrern gehört, die im blinden Vertrauen auf die Navigationsgerät das eigene Fahrzeug in den nächsten Fluss oder Hafenbecken gelenkt haben. Dieses Problem ist weiterhin aktuell. Ein selbstfahrendes Auto benötigt zwingend hochaktuelles Kartenmaterial. Bereits kleine Änderungen machen Updates notwendig. Und wie auch bei der IT-Infrastruktur liegt die Verantwortung bei staatlichen Stellen.

In den großen Städten und anderen Ballungsgebieten dürfte dabei der Kostennutzenfaktor zwar gut sein, aber bereits im Umland beginnen die Kosten aus dem Ruder zu laufen. Sollte man sich noch weiter von den Zentren entfernen und in die Provinz gehen wird der benötigte Aufwand zu groß um tragbar zu sein. Und hierbei handelt es sich nur um die Lage in der entwickelten Welt. Die Aussicht, dass Schwellenländer oder sogar Länder der Dritten Welt notwendigen Ressourcen haben um ihr eigenes Verkehrsnetz kartographischen zu erfassen sind verschwindend gering. Es wird somit in Zukunft weite Teile der Erde geben in denen Fahrzeuge ausschließlich mit manueller Steuerung verkehren werden können.

 

5. Statussymbol

Der letzte Punkt ist aus technischer Sicht der schwächste, sollte aber dennoch nicht vernachlässigt werden. Bei Autos handelt es sich nämlich nicht nur um Gebrauchsgüter sondern, wie ein Blick in einen beliebigen Autokatalog verrät, ebenfalls um ein Statussymbol.

Sie stehen damit in der Tradition des Reitens. Durch das beherrschen ihres Tieres drückte der Reiter seine eigene Stärke aus. Indem er selbst zur Meisterschaft über ein Pferd brachte, demonstriert er seine eigenen Fähigkeiten. Diese Anspruch wurde mit der Zeit auf das Automobil übertragen. Gerade für Männer ist das Fahren eines Autos ein Beweis ihrer eigenen Identität und ihre Fähigkeiten. Nicht umsonst werben verschiedene Sportwagenhersteller damit wie fordernd ihre Fahrzeuge für den Fahrer sind.

Selbstfahrenden Autos, so vernünftig sie auch sein mögen, wären dagegen ein Eingeständnis von Unzulänglichkeit, Schwäche, oder zumindest Faulheit. Um ein Prestigeobjekt zu sein müssen Autos vom Fahrer gesteuert werden. Allein diese Tatsache garantiert das auch weiterhin ein Lenkrad zur Ausstattung der meisten Autos gehören wird.

 

Was kann man nun aus diesen Gedanken schließen?

Vermutlich werden innerhalb der nächsten Jahre und Jahrzehnte selbstfahrende Autos zur Marktreife gebracht werden und ihren Platz im öffentlichen Leben finden. In Städten wie San Francisco, New York oder auch Berlin dürfte das Interesse und die Nachfrage nach ihnen groß sein. Dies bedeutet aber nicht ein gleichzeitiges Verschwinden aller herkömmlichen Autos. Es wird weiterhin Gebiete geben in denen der Fahrzeugführer selbst das Lenkrad übernehmen muss, und je weiter man sich von den urbanen Gebieten entfernt umso häufiger dürfte dies der Fall sein. Vermutlich werden daher auch in Zukunft die meisten Autos die Möglichkeit zur manuellen Steuerung beibehalten und eine Selbstautomatik eher als eine Art extra anbieten.

 

Alexander Straube

Bitcoin. Währung der Zukunft?

Bitcoin. Währung der Zukunft?

Bitcoin, eine Erfindung die seit mehreren Jahre im Internet bekannt ist, hat nun ihren Weg in den Mainstream gefunden. Dabei handelt es sich um eine sogenannteKryptowährung. Eine rein digitale Währung bei der kryptographische Technologien angewandt werden um eine dezentrale Struktur zu ermöglichen.

Der technische Hintergrund ist dabei ausgesprochen komplex und setzt für das Verständnis ein gehobenes Maß an IT Wissen voraus. Herzstück ist dabei die sogenannte Blockchain, gewissermaßen ein Journal aller Transaktionen. Die Bitcoin selbst können in einer „digitalen Brieftasche“ oder sogar auf einer externen Festplatte gespeichert werden.

Von seinen Anhängern wird diese Technologie als die Zukunft des Geldwesens gefeiert. Durch ihre von den Zentralbanken unabhängige Struktur bieten sie eine Alternative zum etablierten Finanzsystem und Versprechen absolute Anonymität bei ihren Transaktionen. Während der enorme Wertzuwachs in den letzten Jahren sie auch für Spekulanten interessant macht (von ca. 10$ pro Bitcoin Januar 2011 auf über 2000$ im Mai 2017).

 Bedauerlicherweise führte dies auch zu einer übermäßigen Selbstidentifizierung der Nutzer mit der Währung, welche sich in einer fast schon kultartigen Mentalität niederschlägt. Wer Zweifel äußert, oder die Währung sogar kritisiert, kann sich darauf einstellen das Opfer eines „Shitstorms“ zu werden. Sämtliche Einwände werden mit der Behauptung beiseite gewischt, man würde das Konzept nicht verstehen oder führen gleich zu Beleidigungen. Eine ergebnisoffene Diskussion ist daher natürlich nicht möglich. An dieser Stelle soll darum, auf einige Schwierigkeiten hingewiesen werden.

 

Verstärkte Abhängigkeit von IT Sicherheit

Wie bei alle anderen online basierten Technologien besteht auch für Bitcoin die Gefahr von irreversiblen Verlusten durch Malware, Datenverlust oder Einbrüchen bei Online-Börsen. Zwar ist durch die Eintragung in die Blockchain die Währung weitgehend fälschungssicher, dennoch besteht die Möglichkeit sie durch ein Hacken des Computers zu entwenden. Es stimmt zwar dass dieses Problem auch den Online-Verkehr mit normalem Geld betrifft, durch seine dezentrales Struktur wird aber bei einer dezentralen Kryptowährung die Zwischeninstanz Bank weggelassen. Das Opfer des Online-Diebstahls müsste daher selbstständig versuchen den Angreifer ausfindig zu machen. Eine Aufgabe welche die Fähigkeiten der meisten User bei weitem übersteigt.

 

Pseudoanonymität

Auf der anderen Seite ist der von Anhängern häufig vorgebrachte Vorteil der Anonymität ebenfalls zweifelhafter Natur. Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein pseudoanonymes System. Alle Bitcoin-Transkationen sind öffentlich und dauerhaft im Netzwerk gespeichert, was bedeutet, dass jeder den Kontostand und die Transaktionen jeder Bitcoin-Adresse einsehen kann. Es ist zwar nicht ersichtlich wer der Eigentümer der jeweils handelnden Konten ist, die Verbindungsdaten lassen sich allerdings sehr wohl zurückverfolgen.

 

Geringes Handelsvolumen

Ebenfalls kritisch ist dass, im Vergleich zu anderen Währungen, geringe Handelsvolumen. Es gibt pro Tag unter 400.000 Transaktionen. Bei einer geschätzten Zahl von 2.9 bis 5.8 Millionen Usern. Für den Außenstehenden mögen diese Zahlen als sehr groß erscheint, im internationalen Handel sind sie jedoch ausgesprochen gering.

Ergänzt wird das durch eine nur sehr geringe Akzeptanz im Handel. Auch wenn die Zahl der Geschäfte die bereit sind Bitcoin zu akzeptieren zugenommen hat, so ist sie doch nur eine kleine Minderheit. Die meisten Unternehmen meiden die Alternativwährung und bleiben lieber bei den gesetzlich vorgeschriebenen Zahlungsmitteln.

Diese Sachlage ist relevant weil sie die komplette Entwicklung beeinflusst. Ein vergleichsweise kleiner Markt kann leichter manipuliert werden als ein sehr großer. Das geringe Volumen erhöht somit die Volatilität in beide Richtungen.

 

Spekulationsblase

Eine gegenüber dem steigenden Kurs und den damit verbundenen hohen Erwartungen zu geringe kommerzielle Nutzung, wie man sich hier beobachten kann, ist auch ein mögliches Zeichen für eine Spekulationsblase. Tatsächlich ist die Rolle von Bitcoin als ein Medium für Transaktion im Lauf der letzten Monate immer weiter zurückgegangen, während die Rolle als Spekulationsobjekt sich immer mehr in den Vordergrund drängte. Viele Käufer gehen fest davon aus das sich die bestehende Wertentwicklung weiter fortsetzen wird. Eine Haltung die man auch aus der heißen Phase eines Wertpapierbooms kennt. Da davon ausgegangen wird das man für ein Bitcoin morgen mehr bekommen wird als heute sinkt die Bereitschaft sie zu verkaufen. Gleichzeitig wird die große Wertsteigerung als Argument verwendet um neue Käufer in den Markt zu holen.

Sollte, aus welchen Gründen auch immer, diese Hoffnung enttäuscht werden, besteht die Gefahr, dass sich eine Panik bildet die zu einem Platzen der Blase führen könnte.

 

Konkurrenz

Dabei ist überhaupt nicht sicher, dass gerade Bitcoin seine momentane Bedeutung weiter steigern kann. Es gibt auch andere Kryptowährungrn, die zu ihr in Konkurrenz treten; als Beispiele können hier etwa Litecoin oderEthereum dienen. Es handelt sich dabei um Alternativen die durchaus das Potenzial haben Bitcoin von seiner Führungsposition zu verdrängen.

Ergänzt wird dies von weiteren Währungen, die von Konzernen wie Amazon oder Facebook entwickelt werden. Diese verbinden die Vorteile einer Krippe Kryptowährung mit der finanziellen Vertrauenswürdigkeit eines Großkonzerns. Gleichzeitig reduziert ihre Existenz die Wahrscheinlichkeit, dass diese Unternehmen sich für unabhängige Währungen öffnen.

 

Mit nichts Hinterlegt

Es darf auf keinen Fall vergessen werden das Bitcoin durch keine weiteren Werte gedeckt sind. Zwar wird von seinen Fürsprechern immer wieder darauf hingewiesen, dass das gleiche auch für sämtliche staatlichen Fiat-Währungen gelten würde, aber dies ist nicht ganz korrekt.

Offizielle Währungen, wie der US-Dollar oder der Euro, sind durch die Produktivität der zugrunde liegenden Wirtschaft gedeckt. Als gesetzliche Zahlungsmittel müssen sie akzeptiert werden, während Kryptowährungen lediglich akzeptiert werden können. Die Steuern sind ebenfalls in der gesetzlichen Währung zu bezahlen, womit es eine permanente Nachfrage nach diese gibt. Diese Vorteile hat Bitcoin nicht.

 

Staatliche Interventionen und der Kampf gegen das Bargeld

Die größte Gefahr geht jedoch von staatlichen Intervention aus. Seit der Finanzkrise haben staatliche Regulationen zugenommen. Insbesondere Maßnahmen gegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Unter dem Vorwand der Verbrechensbekämpfung wird massiv versucht die Nachvollziehbarkeit und Kontrolle von Finanzaktion zu vergrößern und die Möglichkeiten für anonyme Überweisungen immer weiter einzuschränken.

Dieses Phänomen artete teilweise in einen regelrechten Kampf gegen das Bargeld aus. Im Euro-Raum wurden die 500 € Schein abgeschafft. Dänemark hat die Absicht erklärt ein bargeldloses Land zu werden, Schweden hat dies bereits weitgehend erreicht. Und selbst Indien, dessen Wirtschaft im extrem hohen Maße auf den Bargeldverkehr angewiesen ist, hat begonnen Scheine zu entwerten und alle Bürger zu Bankverbindung zu drängen. Wie wahrscheinlich ist es nun, dass diese Staaten, die nicht bereit sind ihr eigenes Bargeld weiter zu akzeptieren, dem Wachstum von Kryptowährung tatenlos zu sehen?

Der Grund für die bisherige Inaktivität war die gesamtwirtschaftlich geringe Bedeutung dieser neuen Erfindung. Sollte das Phänomen weiter anwachsen, und weiteres Wachstum wird für die erhoffte Wertsteigerung dringend benötigt, ist es unvermeidlich das es in direkten Konflikt mit den staatlichen Interessen gerät. Ein Verbot dieser Währungen wäre ohne weiteres möglich. Man könnte die gleichen Argumente verwenden, die auch schon bei der Beschränkung des Bargeldbesitzes zur Anwendung kamen; in erster Linie der Kampf gegen Geldwäsche und die organisierte Kriminalität, sowie das Vorgehen gegen Schwarzgeld und Steuerhinterziehung. Darüber hinaus könnte man sich auch noch auf Gründe des Verbraucherschutzes berufen.

Wirksame Methoden sich dagegen wehren zu können gibt es nicht. Zwar wäre es möglich seine bisherigen Bitcoin gespeichert zu lassen, aber der Handel würde zum Erliegen kommen. Extreme Wertverluste wären die zwangsläufige Folge.

 Diese Punkte sollen nicht den innovativen Charakter von Bitcoin oder auch anderen Kryptowährungen herabsetzen. Die zugrunde liegende Technologie könnte durchaus wegweisend für die zukünftige Entwicklung des Geldwesens sein. Das bedeutet aber nicht, dass sie ein sicheres Investment sind. Es ist wahr, viele Leute sind durch das Spekulieren mit Bitcoin reich geworden und es ist durchaus denkbar, dass ihr noch weitere damit folgen. Allerdings bleibt es eine Anlage mit sehr hohem Risiko.

 

Alexander Straube

Das Problem der deutschen Geopolitik

Das Problem der deutschen Geopolitik

In der internationalen Politik gibt es eine alte Weisheit: „Staaten haben keine Freunde, sie haben Interessen.“
Niemand der sich ernsthaft mit Wirtschaft, Diplomatie oder Geschichte beschäftigt stellt den Wahrheitsgehalt dieser Aussage in Frage. China muss den Zugang zu Rohstoffen
sichern, deshalb investiert es in Afrika. Russland muss seine europäische Grenze sichern, darum unterstützt es die Separatisten in der Ukraine. Die USA müssen ihre Fähigkeit zur globalen Einsatzfähigkeit aufrechterhalten, darum leisten sie sich ein enormes Militärbudget und halten trotz aller Drohungen an ihren Bündnissen fest.

Was genau die zu verfolgenden Interessen sind, wird dabei zwar von der Politik still entschieden, die Diskussion über sie findet aber öffentlich statt. Unzählige Journalisten, Forscher aber auch Politiker äußern sich zu diesem Thema und teilen ihre Gedanken. Die Existenz von nationalen Interessen gilt dabei keineswegs als anrüchig, genauso wenig wie der
intellektuelle Umgang mit ihnen.

In der Bundesrepublik Deutschland ist dies nicht der Fall. Wie fast alle Begriffe die den Bestandsteil „national“ enthalten, sind sie in der breiten Öffentlichkeit verpönt und
werden mit Nichtbeachtung gestraft. Gerade Journalisten und Politiker betonen
viel lieber ihre Überzeugung als „Europäer“ und die Hoffnung auf ein baldiges
„aufgehen in Europa“. Ein Anerkennen von Deutschlands geopolitischen Interessen
passt nicht zu diesem Selbstbild. Erwecken sie doch Vorstellungen von Konflikt,
Machtpolitik, Selbstbehauptung; Konzepten mit denen man sich in einer
globalisierten Welt nicht beschäftigen möchte.

Es ist angenehmer und mit weit weniger politischem Risiko behaftet, wenn man sich vollständig auf supranationale Organisationen verlässt. Auf diese Weise kann man dem Vorwurf entgehen „nationale Politik“ zu machen.

Wenn man trotzdem außenpolitisch tätig wird, so wird dies in der Regel, als Intervention für Menschenrechte umschrieben. Am Hindukusch bewacht die Bundeswehr Mädchenschulen, in Mali wird Weltkulturerbe vor Al Kaida gerettet und die politischen Stiftungen sind weltweit dabei die Zivilgesellschaft zu stärken. Gleichberechtigung, Kultur, Demokratie! Dagegen kann man einfach nichts haben!

Aber selbst, wenn man durch ignorieren und verleugnen das Auseinandersetzen mit der Geopolitik und das Definieren von eigenen Zielen vermeiden kann, die nationalen Interessen bleiben bestehen. Es wird immer Entwicklungen geben, die für den eigenen Staat ein günstiges oder ungünstiges Resultat haben können. Mit dem Einsatz der eigenen Mittel das bessere Ergebnis zu erreichen wäre eine der Grundpflichten des Staates. Es wird immer andere Akteure mit Interessen geben, die dem eigenen Staatsvolk schaden würden. Ihre
Pläne zu vereiteln ist ebenfalls eine der Grundpflichten des Staates. Es wird immer Situationen geben in denen die moralische Entscheidung die schädliche ist. Sie trotzdem zu fällen ist eine Pflichtverletzung erster Ordnung.

Ebenso wie Monster und andere Kinderschrecken verschwinden sie nicht einfach, wenn man die eigenen Augen vor ihnen verschließt. Unwissenheit und Ignoranz verhindern nur, dass ihnen mit der angemessenen Ernsthaftigkeit begegnet wird.

Ein gutes Beispiel wäre die Rolle des Freihandels. Seit der Reichsgründung 1871 war Deutschland immer eine Nation, die sich im großen Maße auf den globalen Austausch von Waren stützte. Die hohe Leistungsfähigkeit der eigenen Fabriken ermöglichte es aus Rohstoffen Produkte von hoher Qualität zu fertigen. Sowohl der Ursprung der Ressourcen, als auch der Absatzmarkt für die Endprodukte war häufig das Ausland. Im Verlauf der Zeit stellte sich die komplette Wirtschaft auf diesen Ablauf ein, der Titel des Exportweltmeisters war die Folge davon.

Das bedeutet aber auch eine Abhängigkeit der kompletten deutschen Wirtschaftsordnung vom freien Fluss der Waren. Sollte dieser aus irgendwelchen Gründen nicht mehr gegeben sein würde praktisch die gesamte heimische Industrie zusammenbrechen. Die Folgen wären nicht nur eine explodierende Arbeitslosigkeit und wegbrechende Steuereinnahmen in den Gewerbezweigen die direkt exportieren, sondern ein Dominoeffekt der weitere Unternehmen vernichten würde. Im besten Fall würde es nur zu einer schweren Depression kommen, im schlimmsten Fall könnte die Existenz des deutschen Staates an sich infrage gestellt werden. Der Erhalt des Freihandels ist somit eine existenzielle Aufgabe der deutschen Außenpolitik, zumindest sollte er das sein.

In der Öffentlichkeit jedoch werden kaum Anstrengungen unternommen dieses Thema zu erläutern. Am ehesten wird es vom Bürger noch mit den Verhandlungen zu diversen Handelsabkommen in Verbindung gebracht. Statt als ein Garant für Wohlstand zu gelten bedeutet der globale Handel nun Chlorhühnchen und Hormonfleisch. Schnell wurde dabei Stimmen laut, die nicht nur gegen diese Handelserträge waren, sondern die Freiheit der Handelswege generell kritisierten; meist mit linksextremen Untertönen.

Ein anderes geopolitisches Thema ist die Wahl der eigenen Verbündeten. Die Bundesrepublik ist eng in die NATO eingebunden. Eine Situation, die ihre Vorteile hat. Die USA sind, als einzige verbleibende Supermacht, eine Kraft, die man besser auf seiner Seite hat als auf der des Gegners, der Zusammenhalt innerhalb der NATO ist weit größer als der innerhalb anderer Bündnisse, durch die Mitgliedschaft der meisten europäischen Länder erleichtert sie die militärische Sicherung des Landes und sie ist hilfreich bei der Sicherung der Handelswege.

Wenn man aber Fragt warum die BRD in der NATO ist, erhält man von den in den meisten Fällen einen Schwall von moralistischen Behauptungen: Dankbarkeit für die USA, die Verbreitung von Menschenrechten, westliche Wertegemeinschaft,... usw.

Obwohl vernünftige und objektive Erklärungen vorhanden sind, wird auf einer emotionalen, pseudo-ethischen Ebene geantwortet, die ein politisches Bündnis in eine mythische Schicksalsgemeinschaft verwandelt. Für die "Atlantiker" hat das westliche Bündnis religiöse Dimensionen.

Gerechterweise muss man sagen, dass die Gegenseite sich genauso verhält. Russophile Kräfte, die sich in der äußersten Rechten genauso finden wie in der äußersten Linken, wollen sich vom Westen ab- und Russland zuwenden. Mit welcher Begründung? Der rücksichtslosen Machtpolitik der USA und der angeblichen Deutsch-Russischen Freundschaft! Man muss sich seine Verbündeten aus moralischen Gründen und nicht aus praktischen wählen. Und da die USA böse sind, muss ihr Konkurrent Russland gut sein. Dass der Kreml nicht weniger aggressiv ist als das Weiße Haus und dass die "Freundschaft" meist einseitig zum Vorteil Russlands war, wird nicht beachtet.

Die Unfähigkeit zur ruhigen Analyse erstreckt sich selbst auf die Rolle des Militärs. Die beiden dominanten Positionen sind ein verlogener Interventionismus und ein kindischer Pazifismus.

Erstere verlangt den Einsatz der Bundeswehr für "humane Aktionen". Tödliche Gewalt darf angewandt werden, jedoch nur zur humanitären Hilfe und zur Unterstützung der "Guten". Eine Vorstellung, die zwangsläufig zu Heuchlerei führt.

Die Zweit betrachtet jede Form von Militär, Bewaffnung oder Gegenwehr als grundsätzlich böse. Die Armee muss komplett abgeschafft werden! Alle Waffenexporte sind zu verbieten;... Ach was, jede Form von Waffe muss gebannt werden! Denn nur wer sich komplett wehrlos macht, kann verhindern in einen Krieg verwickelt zu werden.

Es erinnert an von Clausewitz. Der festgestellt hatte, wie der Krieg eigentlich von den Verteidigern ausgeht. Ein Angreifer würde es bevorzugen seelenruhig in die unverteidigten Städte einzumarschieren...

Beide Ansichten kranken am selbstgerechten Moralismus der die deutsche Politik durchzieht. Gemeinsam sorgen sie dafür das die Bundeswehr heutzutage weniger zur wehren des Bundes geeignet ist, als zum graben des Brunnens oder ähnlicher Beschäftigungen. Die Sehnsucht der Deutschen danach zu den ethisch einwandfrei Guten zu gehören die Funktionsfähigkeit des Nationalstaates selbst.
Es ist Zeit zu akzeptieren, dass die Bundesrepublik kein kleiner bedeutungsloser Staat ist, sondern die ökonomische Macht und den Einfluss einer Großmacht besitzt. Man sollte sich dementsprechend verhalten. Die Benennung seine eigenen Interessen weiter zu verweigern und sich bei politischen Entscheidungen allein auf zweifelhafte Prinzipien der Ethik zu verlassen ist ein unredliches Verhalten, welches das Potenzial besitzt viel Schaden und nur wenig Gutes zu erzeugen. Die Öffnung der Grenzen von 2015 ist
ein geeignetes Beispiel.

Es wird nicht einfach sein eine breite Diskussion zu diesem Thema zu bewirken. Der wage Status quo ermöglicht es den politischen Akteuren nach eigenen Vorstellungen zu agieren, ohne dem Bürger Rechenschaft zu leisten. Aber dies ist nur ein weiteres Argument für ihre Notwendigkeit.

Das deutsche Volk muss sich darüber klar werden, welche geopolitischen Interessen es eigentlich hat, wie es sie verfolgen möchte und was dabei überhaupt möglich ist und was nicht. Nur, wenn dies geklärt wurde, ist es möglich sich selbst und allen Partnern gegenüber verlässlich zu agieren. Und das wäre eine wirklich gute Sache.

Alexander Straube

 

Freies Institut für Politik und Strategie UG

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